Wieso sind wir treu? 3 Erklärungen für Kundenloyalität

Unternehmen und Agenturen zerbrechen sich den Kopf, wie sie ihre Kunden dazu bewegen, ihnen nicht fremdzugehen. Das Geheimnis von Loyalität steckt im Inneren des Kunden. Da wäre es doch mal interessant zu erfahren, wie die Psyche funktioniert.

Kundenloyalität

Bild: CC BY-NC 2.0 Mikele67

Hier sind 3 Erklärungsansätze zur psychologischen Entstehung von Kundenloyalität:

1. Kognitive Dissonanz – Bindung durch Kaufrechtfertigung 

Die Theorie der kognitiven Dissonanz besagt, dass Menschen ein kognitives inneres Gleichgewicht anstreben (Festinger, 1957). Laut dieser Theorie versuchen Menschen ihre Kognitionen anzupassen, um Inkonsistenz zu vermeiden. Kognitionen können dabei als „jede Form von Wissen, Meinungen, Überzeugungen über die Umwelt, die eigene Person oder das eigene Verhalten“ bezeichnet werden. Die Situation der Widersprüchlichkeit der zueinander relevanter Kognitionen wird als Dissonanz bezeichnet, und beinhaltet nicht nur die rein logische Gegensätzlichkeit sondern mehr einen psychologischen Zustand des Ungleichgewichtes. Durch den Ausgleich der inneren Dissonanz, also den Einfluss auf das Verhalten des Menschen, gehört die Theorie der kognitiven Dissonanz zu den Motivationstheorien. Der psychische Zustand ist dabei ein Einflussfaktor auf Motivation und Handeln des Individuums. Es wird versucht, die relevanten Kognitionen in eine harmonische (konsonante) Beziehung zueinander zu bringen und die empfundene kognitive Dissonanz zu minimieren. Dafür gibt es drei Möglichkeiten:
1. Es kann versucht werden, neue konsonante Kognitionen zu dem bereits Bekannten hinzuzufügen, um auf Dauer die dissonante Kognition entweder abzuschwächen.
2. Außerdem besteht die Möglichkeit die dissonante Kognition in Form von neuen Informationen zu verändern.
3. Um grundlegend die Dissonanz zu beseitigen, besteht die Option der Verhaltensänderung. Dabei wird die dissonante Komponente vermieden und nicht mehr relevant.

Kognitive Dissonanz kann beispielsweise nach der Inanspruchnahme einer Leistung oder dem Kauf eines Produktes entstehen. Wenn du Entscheidung von subjektiver Bedeutung war und eine Vielzahl an Alternativen zur Verfügung standen, kann es zu einem Nachentscheidungskonflikt aufgrund von dissonanten Kognitionen kommen. Hat ein Kunde beispielsweise beim Sesselkauf nach langem Überlegen und wenig Budget doch zur teureren Alternative gegriffen, ist er geneigt über die Richtigkeit Entscheidung zu grübeln. Um diesen inneren Konflikt zu beseitigen, wird er versuchen nach konsonanten Informationen in Form von Bestätigung aus dem Freundeskreis oder Informationen über den außergewöhnlichen Komfort oder die hochwertige Qualität des Produktes suchen. Die Rechtfertigung der Kaufentscheidung beeinflusst in der Regel die dissonante Kognition und bestärkt das Verhalten. Diese Auseinandersetzung mit und die Bestärkung des eigenen Verhaltens führt zu einer Bindung mit dem Anbieter. Sobald der Kunde zu einander relevante rein konsonante Kognitionen über seine Kaufentscheidungen im Bezug auf ein Unternehmen hat, beziehungsweise diese harmonischen Kognitionen überwiegen, entsteht Kundenbindung und wird mit jedem neuen Kauf verstärkt.

2. Operante Konditionierung – Bindung durch Belohnung

Eine lerntheoretische Erklärung zur Entstehung von Kundenbindung ist die Theorie der operanten Konditionierung. Es handelt sich dabei um folgenden Zusammenhang: Wird ein Verhalten mit einer positiven Konsequenz belohnt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten in ähnlichen Situationen immer wieder gezeigt wird. Folgt auf Verhalten im Umkehrschluss eine negative Konsequenz in Form einer Bestrafung, wird das Verhalten wahrscheinlicher Weise seltener auftreten. Dabei handelt es sich nicht um Bestrafung und Belohnung im wörtlichen Sinn. Nach einer Kaufentscheidung wird der Kunde durch seine eigene Zufriedenheit belohnt oder durch Unzufriedenheit bestraft. Diese beiden Konditionen führen entweder zur Verstärkung oder Verminderung der Kundenbindung.

3. Lernen am Modell – Lernen durch Nachmachen

Ergänzt wird die operante Konditionierung mit der Theorie des Lernens am Modell. Danach muss der Kunde die positiven und negativen Konsequenzen nicht unbedingt selbst erleben. Durch Beobachtung kann neues Verhalten erlernt und angeeignet werden. In Verbindung dieser Theorie mit dem Internet kommen deswegen Word-of-mouth Mechanismen, Foren, Erfahrungsberichten, Bewertungen eine große Rolle zu. Beobachtet ein noch unentschlossener Kunde, dass ein anderer Kunde über positive Erfahrungen und Zufriedenheit mit einem Produkt berichtet, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Unentschlossene das Verhalten imitiert. Neben dem Lernen durch Imitation, kann im Umkehrschluss ein „Lernen aus den Konsequenzen des Verhaltens anderer“ erfolgen. Dieses Lernen kann aufgrund einer Unzufriedenheit der Modellperson und der Entscheidung des Unentschlossenen gegen das Unternehmen stattfinden.

Diese 3 Erklärungsmethoden beruhen auf theoretischen Konstrukten bzw. unterschiedlichen Theorien. Dennoch zeigen sie, wie die Psyche der Kunden – teilweise unbewusst – funktioniert. Dies kann Unternehmen immens helfen, seine Kunden besser und tiefer zu verstehen. Und genau darin liegt der Schlüssel der Kundenloyalität – Wissen ist wie so oft Macht.

Personalisierte Online-Werbung – Fluch oder Segen?

In dem Film „Minority Report“ bekommt Tom Cruise beim Eintritt in den Laden perfekt auf sich zugeschnittene Werbung projiziert. Hektisch und überfordert nimmt er die personalisierten Ansprachen wahr, wandert wie benommen durch den Store.
Was in dem Ausschnitt überspitzt und in der Offline-Welt dargestellt wird, ist das Bestreben vieler Online-Händler. Der große Trend der Zukunft heißt personalisierte Ansprachen für präzise definierte Zielgruppen. In erster Linie klingt dies kundenfreundlich – keine lästigen Standart-Werbebanner, perfekt auf mich zugeschnittene Angebote.

Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob dieses Ziel in seiner Vollendung tatsächlich so erstrebenswert ist. Zum einen bedeutet die Zuordnung meiner Person zu bestimmten Zielgruppen in erster Linie Schubladendenken. Außerdem bekomme ich zwar für meine jetzige Situation vielleicht passende Angebote, doch woher wird dann mein Interesse zu Neuem geweckt? Überlasse ich dann nicht Facebook, Google und den anderen Akteuren die Entscheidung, was mich zu interessieren hat und was ich gut finden soll? Mit Personalisierung der Anzeigen und Angebote wird das Leben ganz schön bequem, meiner Meinung nach zu bequem.

Wall-E Personalisierte Bildschirme

Wie die Menschen im All im Film Wall·E werde ich durch die für mich passenden Gänge geschoben und mein eigener Bildschirm präsentiert perfekt passende Angebote – perfekt passend für mich und noch tausend weitere Personen meiner Zielgruppe. Verlieren wir nicht nur unsere Mündigkeit, sondern auch unsere Individualität? Sind wir und unsere Interessen nicht ein wenig mehr als die für uns vorgesehene Schublade?

Wie dem auch sei, ich bin jedenfalls ziemlich froh noch Sachen zu sehen bekommen, die vielleicht nicht auf den ersten Blick zu mir passen könnten.

Wie eCommerce unsere Zahnpasta verändert

6368962069_0348b2a52f_bWenn Sie in den Supermarkt gehen und eine Zahnpasta kaufen möchten, dann finden Sie dort Regalreihen über Regalreihen an Tuben. Seien wir ehrlich: Die meisten davon unterscheiden sich nicht groß, sie machen extra-super-weiße Zähne, versprechen der ein oder anderen Zahnkrankheit vorzubeugen und die meisten schmecken immer noch nicht besonders gut. Und viele davon gehören im Endeffekt zum selben Unternehmen. Denn das war bislang eine der beliebtesten Strategien von Unternehmen, um sicher zu gehen, dass Sie eines ihrer Produkte kaufen: Möglichst viel Regalplatz besetzen, so dass, egal wonach Sie greifen, Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Produkt des Unternehmens in Ihren Einkaufskorb legen. Und so hat man einfach immer neue Namen mit -blend und -dent und -med generiert und so immer neue Marken geschaffen.

Wie Marken auf den Onlinehandel reagieren

Nun hat Procter & Gamble vor kurzem angekündigt, dass sie 90 bis 100 ihrer Marken loswerden wollen, damit bleiben dem Unternehmen zwar immer noch 70 bis 80 Marken übrig, und vermutlich kann sie trotzdem keiner im Unternehmen auswendig aufsagen, aber es deutet auch einen Strategiewechsel an, der mit einer Veränderung darin wie wir Einkaufen einhergeht. Die Marken müssen auf den Onlinehandel reagieren. Denn in Onlineshops ist Regalplatz plötzlich nicht mehr begenzt. Amazon und den meisten anderen Onlineversandhändlern ist es egal ob sie sieben oder zehn Zahnpasten nebeneinander listen. Im Gegenteil- es tauchen immer mehr neue unabhängige Marken auf, es gibt Nischenprodukte und das Grundrauschen ist unendlich höher. Das heißt, es wird viel schwieriger mit einer eigenen Marke überhaupt gehört zu werden. Geschweige denn mit zehn.
Man kann auch keinen Platz besetzen oder jemand anderen aus dem Sichtfeld des Einkaufenden verdrängen.

Suchschlitz statt Regalfach

Außer vielleicht in der Suche. Plötzlich zählt als Unternehmen, dass die eigene Zahnpasta am besten auf Platz eins in den Suchergebnissen auftaucht, wenn jemand nach Zahnpasta googelt. Oder sich der Kunde am besten an den Namen erinnert. Da ist es eher hinderlich wenn alle mit -blenda, -denta oder -med enden und ich auch nicht mehr weiß, ob ich nun „extra frische“ oder „milde frische“ wollte. Dazu ist es gut, möglichst wenige starke Marken zu haben, die von vielen erkannt werden, die eindeutig für ihre Kategorie stehen und auf die man seine Anstrengungen fokussiert. Und so verändert der Onlinehandel auch unsere Zahnpasta.

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Bild: CC BY-ND 2.0 Sam Hawkins

Lässt uns Content Marketing emotional abstumpfen?

Dass Werbebanner im Internet nicht mehr richtig wahrgenommen werden, ist schon lange ein bekanntes Phänomen. Wir alle sind es schon gewohnt, Pop-Up Fenster wegzuklicken und uns so „wie blind“ durch das Netz zu navigieren. Händler und Werbetreibende mussten lernen, dass Content King ist, und so relevante und interessante Werbeformen schaffen. Anfang des Jahres zeichnete sich der Trend des Storydoings ab- Hauptsache den Usern was an guten Inhalten bieten.

(Foto © Janice Alcantar/Monitive)

Content Marketing is King

Content Marketing heißt das große übergeordnete Buzzword dazu. Werbung und Produkt muss nicht mehr zum User kommen, sondern dieser findet über emotional anregende Geschichten selbst zum Produkt (noch ein Buzzword „Inbound Marketing“). Idealerweise produziert das Unternehmen Content, schüttet ihn aus und kann sich dann mit einem intrinsisch motivierten, hoch loyalen Netzwerk schmücken, das gerne interagiert -und natürlich das Wichtigste- auch kauft.

Hier raffinierte Beispiele der Big Player

Aus dem Internet und sozialen Medien mittlerweile nicht mehr wegzudenken sind Seiten wie Upworthy und Heftig. Diese setzen auf emotionale, teils außergewöhnliche, teils triviale Geschichten hinter extrem aktivierenden Überschriften.

Content-Marketing als Energie-Vampir

Der Hype um emotionalen Content hat allerdings ein Problem. Zur Veranschaulichung ein Szenario: Man trifft sich mit einem Freund auf einen Kaffee. Schon nach kurzer Zeit des Zuhörens fühlt man sich erschöpft und erschlagen von den Geschichten und Problemen des Freundes. Was ist passiert?

Content Schock als Folge von empathischem Overload

Wenn man den Geschichten anderer lauscht, vor allem wenn sie emotional aufgeladen sind, löst dies in erster Linie Mitgefühl und Anteilnahme aus. Doch ab einem bestimmten Zeitpunkt sink die Aufmerksamkeit, man fühlt sich erschöpft und energielos (sehr empfehlenswert: Wie man Energievampire im Reallife erkennt und besiegt hier). Ähnlich kann es uns mit der ansteigenden Flut an (Werbe-)Geschichten aus dem Internet ergehen. Was folgt ist ein Content Schock. Diese Überforderung führt meist, wie bei klassischem Burnout, zu emotionaler Abstumpfung.

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Folgt nach Banner Blindness wirklich Content Blindness?

Ich selbst merke, dass mich medialvermittelte emotionale Geschichten, lange nicht mehr so berühren wie früher. Wenn man früher auf jeden reißerischen Link von Heftig geklickt hat, überlese ich diese nun oft. Man hat einfach schon viel gehört und gesehen. Das höchste der Gefühle ist ein Lächeln als Antwort auf eine (Unternehmens-)Story.
Aber reicht dies wirklich aus, damit sich Content Marketing und Storydoing wirklich auf Dauer durchsetzten? Oder werden wir alle unter Content Blindness leiden als Folge der vielen, kreativen und emotional erzählten Geschichten? Immerhin bedeutet eine gute Geschichte, verglichen mit klassischer Werbung, ein höherer Aufwand in Konzept und Umsetzung für das Unternehmen.

Wie strapazierbar sind die emotionalen Grenzen des Mitgefühls im Dienste der Werbung? Müssen wir bald alle mit klassischen Werbespots von unserem Content Burnout kuriert werden? Oder werden wir selektiver Mitgefühl erleben?

Was ist Ihre Meinung zu der Zukunft des Content Marketings?

Social Seeding oder Spam Your Fiends?

Früher, bei Kaffee und Kuchen oder einem Bier, tauschten sich mehr oder weniger befreundete Menschen über den besten Zahnarzt in der Stadt, die leckere Pizzeria oder die effektivste Feuchtigkeitscreme aus. Das alles war eine Art Frage-Antwort-Spiel mit absehbarem Anfang und Ende.

Gute Bewertungen steigern Conversion um 200%

Heutzutage findet man auch ohne die Hilfe eines Gegenübers im Internet auf unzähligen Portalen Empfehlungen, Bewertungen und Tipps; global und regional. Außerdem gibt es auf jeder gutsortierten E-Commerce Plattform die Möglichkeit Kundenbewertungen abzugeben und einzusehen. Damit navigiert sich der moderne User durch den Angebotsdschungel, ließt Rezensionen und schaut auf die abgebene Bewertung von  Vorkäufern. In einer Studie von BIG Social Media offenbart sich die Kraft von sozialen Bewertungen im Internet: Produkte mit positivem Rating verkaufen sich um rund 200% besser (als Produkte ohne oder mit negativem Rating).

Knapp 70% aller Konsumenten ziehen Kundenbewertungen heran, bevor sie auf „Kaufen“ klicken. Außerdem spielt die Masse eine Rolle- bei Produkten mit über 50 Bewertungen ist der Abverkauf um 63% höher, als bei den wenig bewerteten. Interessanter Weise verkaufen sich Produkte mit 4,5 Sternen dreimal besser als reine 5 Sterne Produkte. Die User vermuten dahinter möglicherweise gefälschte Rezensionen (was laut Studie bei rund 20-30% der Bewertungen im Internet der Fall ist). Dennoch vertrauen Kunden auf die Empfehlungen anderer Kunden.

Was allerdings noch stärker die Kaufbereitschaft beeinflusst als anonyme Kundenbewertungen ist die Meinung unserer Freunde.

Social Seeding- der aufdringliche Nachbar?

Genau darauf baut ein Trend auf. Unter dem Namen Social Seeding werden User aufgefordert Inhalte mit ihren „Freunden“ zu teilen. Dies ist eine Strategie des Viralen Marketings und soll kostengünstig und schnell eine bestimmte Masse von Menschen erreichen. Der Inhalt soll vordergründig nicht werbend erscheinen und damit zu einer viralen Verbreitung führen.

Genau dieses Konzept bietet Sharemax an. Dort können Händler und Werbetreibende Kampagnen platzieren, welche von Usern geshared werden sollen. Dies kann eine Empfehlung für das Wellnessbad in der Nähe oder ein Rabattgutschein für ein Café sein- Hauptsache es erscheint ungefragt im Newsfeed der anderen. Der User verdient einen Centbetrag sobald seine „Freunde“ auf den Link klicken. Unter dem Deckmantel der Freundschaft werden Freunde aufgefordert Freunde zuzuspammen.


Die Social Seeding Plattform shareMAX

In dem Werbefilm wird der arme Lars vorgestellt, dessen Freunde seine täglich geteilten Inhalte kaum abwarten können. Doch was dem armen Lars nicht gesagt wird ist, dass er wahrscheinlich mit jedem Share immer einsamer wird. Im Reallife wäre dies vergleichbar mit einem unliebsamen Nachbarn, der unangemeldet an der Tür klopft und anfängt über seinen Tag zu erzählen und besserwisserisch Empfehlungen auszusprechen. Diesem Nachbar macht man das nächste Mal womöglich die Tür nicht mehr auf. Ähnlich verhält es sich auf Social Media Plattformen. Die Meinung über den spammenden „Freund“ ändert sich möglicherweise. Natürlich interessieren sich User im Internet für gute Angebote, Rabatte und Deals. Und auch für die Meinung ihrer Freunde auf Social Media Plattformen. Doch wenn beides vereint ungefragt auf dem persönlichen Newsfeed seinen Platz findet, werden möglicherweise Freundschaften neu überdacht.

Wieso alles mit Social anfängt und mit Commerce endet

Ein paar kritische Gedanken zur Verbindung von Social Media und Unternehmen

Starbucks auf Instagram

Wenn man nach Social Media in Verbindung mit dem Wort „Unternehmen“ googelt, bekommt man den Eindruck nach zwei untrennbaren Ausdrücken zu suchen- Leitfänden für die richtige Nutzung, Statistiken über enorme Umsatzentwicklungen, Lobgesänge auf Imageverbesserungen und Beispiele super-toller Streber-Unternehmen, die den nächsten viralen Trend auslösen.
Alles in allem hat man das Gefühl man hechelt dem rasenden Social-Commerce Zug immer ein wenig hinterher.

Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen? Wieso stört uns die Trennung zwischen privat und commerce nicht (mehr)? Wieso fängt alles mit sozialer Interaktion an und endet in einer Verkaufsveranstaltung?

Momentan kann diese Entwicklung bei Instagram beobachtet werden. Angefangen als eine sehr persönliche, ständig über- oder unterbelichtete Laien-Foto Plattform, ist sie mittlerweile zu einem fancy Marketing-Tool avanciert, für Unternehmen die ihr Image auf Hochglatz polieren wollen. Trotz einiger Hindernisse, wie Instagram´s fehlender Möglichkeit externe Links einzubauen, schaffen es einige Unternehmen mit Bravour ihre Marke zu positionieren und bei vielen Usern im Feed aufzutauchen (siehe Starbucks oder H&M). Das Geheimnis heißt kreativer, authentischer und einzigartiger Content. Doch wie authentisch ist eine Marke, welche meist aus Umsatzzwecken ins Leben gerufen wurde?

Unternehmen sind keine bedingungslosen Freunde, pfuschen aber in unser Privatleben rein

h&m

Bekleidungshersteller H&M auf Instagram

Die ursprüngliche Definition von Social Commerce laut Steve Rubel, welcher den Begriff Ende 2005 geprägt hat, ist „Creating places where people can collaborate online, get advice from trusted individuals, find goods and services and then purchase them„. Doch was mittlerweile in den Social Media Kanälen passiert geht über das Rede-und-Antwort-Stehen hinaus. Unternehmen mischen aktiv in unserem Privatleben mit. Natürlich muss man sie dafür ein Mal mit einem kleinen Like zulassen. Social Commerce war gedacht als Involvieren der Käufer, als Ausgang der User aus der fremdverschuldeten Unmündigkeit, als direkter Draht ins Herz des Unternehmens. Doch manchmal, in einem stillen Moment muss man sich fragen: Sind die Aktivitäten und Bemühungen der Unternehmen, in meinem persönlichen Feed mitzumischen, nicht einfach eine andere Art der manipulativen Werbewirkung? Ein Überzeugungs- und Verkaufsgespräch im anderen Gewand? Nicht mehr der schleimige Vertreter, der an die Tür klopft und die nicht offensichtlichen Vorzüge des Produktes erklärt, sondern die sexy Frau, die sich mit ins Bett legt, um ihre neuste Unterwäsche zu zeigen?

Denn egal ob lukrative Schnäppchenangebote, kreative Gewinnspiele oder heiße Filter-Fotos- wir können nie mit einem Unternehmen eine bedingungslose Freundschaft eingehen. Auch nicht durch Social Media.

Zwei Apps gegen soziale Penetration

Cloak- Das Anti-Social Social Network

Cloack App

Zwar nicht E-Commerce, aber trotzdem spannend: Die wohl sinnvollste Erfindung für sozial eher zurückhaltende Menschen – mit der App Cloack ist es möglich Bekannte und „Freunde“ vorsorglich zu meiden. Der Programmierer Brian Moore and Chris Baker (ehemaliger Creative Director von Buzzfeed) dachten sich wohl, wieso nutzt man nicht die Massen an Locationinfos, die mitteilungsbedürftige User auf Foursquare und Instagram teilen, um die etwas sozial Introvertierten vor einem Zusammentreffen zu warnen?

Einige kennen das vielleicht: In manchen Situationen möchte man einfach auf keine entfernten Bekanntschaften treffen, von denen man gerade noch so den Namen weiß, aber zwangsweise höflich smalltalken muss. Für einige (Kommunikationsbedürftige unter uns) ist es eine nette Abwechslung, für andere wiederum einfach unangenehme Zeitverschwendung. Mit Cloak ist es möglich sowohl situativ Bekannte zu meiden, weil man einfach an dem Ort niemandem bekanntes begegnen möchte, als auch individuell. Somit muss man nicht mehr ausversehen in einer Bar auf den Exfreund oder in der Saune auf den Chef treffen.

Natürlich müssen dafür die unliebsamen Bekanntschaften immer regelmäßig ihre Orte mitteilen. Aber selbst wenn nicht, vermindert Cloak zumindest das Risiko.

Für mich eine absolut nachvollziehbare App-Idee. Werde es ausprobieren und berichten.

Und für Extroverte immer noch als Locationinfo-App verwendbar.

Rather – No more Cat Content

Rather App

Für Baker ist es übrigens nicht die erste „anti-soziale“ Investition: Er entwickelte Ende letzten Jahres die Chrome Extension Rather mit. Diese Browser-Erweiterung durchsucht mit Hilfe einer individuell gepflegten Black-List die Facebook und Twitter Beiträge und blockiert sie. Das heißt: Keine peinlichen Hochzeitsfotos. Keine Katzenvideos. Allerdings sind die Bewertungen in Deutschland nicht durchgängig positiv im Bezug auf die fehlerfreie Filterung.

Dennoch ein Versuch wert, meiner Meinung nach.

Amazon Flow – Werden wir bald alle zu Verkaufsflächen?

Die aktuelle Version der Amazon App eröffnet mit einer innovativen Funktion „Flow“ eine ganz neue Dimension des Social Online Shoppings. Damit können Einkaufswillige, neben dem Barcode-Scan, auch Produkte abfotografieren- und werden direkt zur passenden Amazon Seite weitergeleitet. Somit wird das gesamte Umfeld zu einem riesigen Showroom. Das Shoppingerlebnis wird nicht mehr zeitlich eingrenzbar, sondern auf den gesamten Alltag ausgedehnt. Wenn man etwas sieht, was man haben möchte kann man einfach ein Foto davon machen und schon ist praktisch der Einkauf getätigt.

(Foto © Ariel Zambelich/WIRED)

Vorbei die Zeiten des mühseligen Durchforstens des Internets nach dem Wunschobjekt, geschweige denn der ausgedehnten Shoppingtouren in realen Geschäften. Sollte die App sich, wie von Amazon versprochen lokal ausweiten, wird dem Einzelhandel bald (mal wieder) der Tod prophezeit.

Doch die wichtigere Frage ist, wie kann solch eine Funktion in unseren Alltag eingreifen und ihn in Zukunft verändern? Wird aus Social Shopping ein „Social Nach-Shopping“?

Foto

Social Nach-Shopping mit einem Klick

Klar ist: Menschen definieren sich über ihre angesammelten Gegenstände. Ob das hübsche, neue Kleid aus dem Laden um die Ecke, die tolle, beschichtete Kuchenform oder das bequeme Sofa- nach einem gelungenen Einkauf ist man zufrieden, stolz und fühlt sich einzigartig. Möglicherweise erzählt man seinen Freunden und allen, die es mehr oder weniger interessiert, wo und wie man fündig geworden ist. Ganz selten kommt es vor, dass diese dann in absehbarer Zeit in den selben Laden rennen und sich etwas nachkaufen. Doch was passiert, wenn die neusten Errungenschaften für andere nur noch einen Klick weg sind? Macht man sich selbst und seine Wohnung zum Showroom für andere? Je nachdem wie gut die technische Erkennung der Gegenstände sein wird, können vielleicht bald Produkte auch ohne erkennbare Verpackung scann- und nachkaufbar sein.

Instagram zeigt den Erfolg visueller Inspiration

Auf Instagram kann man den Erfolg visueller Shoppinginspiration durch ganz normale Menschen nur erahnen. Modelabels wie der Accessoire-Hersteller NouviNomi nutzen Instagram zur  relativ billigen Verbreitung ihrer Waren und ihres Lebensgefühls durch Schnappschüsse von Laienmodels und privaten Einblicken. Somit wurde Instagram zur „best platform for brands“ in Jahr 2013, mit viel Zukunftspotential. Denn vor allem für Mode- und Lifestyle Firmen ist die  intuitive Präsentation ihrer Produkte ausschlaggebend für ihren Erfolg online. Und genau das kann eine visuelle Plattform wie Instagram bieten.

Die Bedrohung unserer Shopping-Autonomie?

Aber was passiert, wenn wir durch die Möglichkeit des Abscannens unserer Sachen selbst zu einer visuellen Plattform und somit zum Bindeglied zwischen Offline und Online, also unserem Alltag und E-Commerce werden? Wie können wir dann noch unserer Shopping-Autonomie aufrecht erhalten?

Ich persönlich finde die Innovation von Amazon einen logischen Folgeschritt nach dem Barcode-Scan. Es ist praktisch, ohne großes Suchen direkt das gewünschte Produkt bestellen zu können. Wenn man allerdings diese Entwicklung weiterdenkt und sich vorstellt, dass bald ich selbst zu einer Art Verkaufsfläche für alle die mich sehen werde, komme ich ins Grübeln. Denn wer wird schon gerne und auch noch ohne große Bemühungen kopiert? Wo bleibt da die Individualität und das positive Gefühl nach einem Einkauf? Dennoch muss man zugeben, dass diese Entwicklung grundsätzlich für den Online Handel ein großer Schritt rein in das Leben ihrer Kunden wäre. Denn so kann man als E-Commerce Unternehmen sicherstellen, dass interessierte Kunden ihr gewünschtes Produkt finden. Die Frage bleibt, ob es ein Spiel zwischen Vollsortimentern wie Amazon wird oder auch kleinere Händler sich im Product Tagging platzieren können.